
615 Kilometer am Stück mit dem Rennrad fahren – geht das?
Wer zum ersten Mal von der Fichkona hört, stellt diese Frage fast automatisch.
Die Antwort ist einfach: Ja, es geht. Nicht beiläufig und nicht ohne Vorbereitung, aber es geht. Die Fichkona führte 2023 zum 24. Mal vom Fichtelberg im Erzgebirge bis zum Kap Arkona auf Rügen. Start war am 17. Juni 2023 um 10 Uhr auf 1214 Metern Höhe, das Ziel lag rund 24 Stunden und 615 Kilometer später auf Meereshöhe. Dazwischen: Erzgebirge, Mitteldeutschland, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und am Ende die Insel Rügen.
Was von außen wie ein Extremerlebnis wirkt, ist vor allem eine sehr lange, sehr gleichmäßige und sehr konsequent organisierte Rennradausfahrt. Genau das macht den Reiz dieser Veranstaltung aus.
Was ist die Fichkona?
Die Fichkona ist eine organisierte Rennrad-Langstrecke von Sachsen bis an die Ostsee. Gefahren wird in der Gruppe, begleitet von Servicefahrzeugen und einer eingespielten Mannschaft. Das Format verbindet große Distanz mit klarer Struktur: gemeinsames Fahren, kurze Pausen, Versorgung unterwegs und ein Ziel, das weit entfernt liegt, aber über viele Stunden langsam näherkommt.
615 Kilometer am Stück wirken zunächst unrealistisch. In der Praxis zeigt sich jedoch: Mit Vorbereitung, einer disziplinierten Gruppe und verlässlicher Organisation wird aus einer kaum vorstellbaren Distanz eine Aufgabe, die erreichbar sein kann.

Der Weg zur Startlinie
Von der Fichkona hörte ich vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal. Das Thema blieb im Kopf, aber lange in sicherer Entfernung. Ich fahre seit vielen Jahren gern Rad, auf unterschiedlichen Untergründen und auch über längere Distanzen. Dennoch schien mir eine Fahrt über 615 Kilometer am Stück lange Zeit zu groß.
Erst durch eine zufällige Begegnung wurde aus dem Gedanken ein Plan. Ich traf einen alten Schulfreund, der die Fichkona bereits gefahren war. Er erzählte mit solcher Klarheit und Begeisterung davon, dass ich mich kurz darauf anmeldete. Mit etwas Glück bekam ich einen der begehrten Startplätze.
Damit war aus einer vagen Idee eine konkrete Aufgabe geworden. Die verbleibende Zeit bis Mitte Juni war knapp. Ein halbes Jahr Vorbereitung ist für ein Vorhaben dieser Länge nicht üppig. Bis zum Start kamen dennoch rund 4000 Trainingskilometer zusammen, darunter regelmäßige lange Einheiten zwischen 200 und 300 Kilometern. Das war keine Garantie, aber eine brauchbare Grundlage.
Start am Fichtelberg: kühl, schnell, zurückhaltend
Der Fichtelberg ist auch im Sommer kein Ort für warme Morgenstunden. Der Start begann entsprechend frisch. Da die ersten Kilometer direkt zügig bergab führen, war die Fahrt vom ersten Moment an schnell und kühl zugleich.
Ich war vor allem gespannt auf die ersten Anstiege. Bei einer Strecke dieser Länge ist Zurückhaltung am Anfang keine Nebensache, sondern Voraussetzung. In Bärenstein, wo es wieder bergauf ging, zeigte sich schnell: Niemand wollte hier unnötig Kraft liegen lassen. Das Feld fuhr aufmerksam, kontrolliert und ohne Hektik. Alle wussten, dass der Tag noch sehr lang werden würde.

Durch das Erzgebirge und weiter nach Norden
Die Strecke führte zunächst durch das hügelige Erzgebirge und weiter Richtung Chemnitz. Nach etwa 90 Kilometern stand die erste Pause an. Bis dahin hatte sich das Feld sortiert, das Tempo war stabil, und mit flacher werdendem Profil stellte sich allmählich Routine ein.
Hier wurde spürbar, wie gut die Veranstaltung organisiert ist. Gefahren wurde in der Gruppe, und damit im Windschatten. Der Vorteil ist auf dieser Distanz erheblich: weniger Luftwiderstand, geringerer Energieverbrauch, konstanteres Rollen. Dazu kamen je ein Fahrzeug vor und hinter der Gruppe, die das Feld absicherten und den Ablauf deutlich erleichterten.
Auch die Pausen waren klar organisiert. Sie waren kurz, aber gut vorbereitet. Die Begleitmannschaft stellte jedes Mal ein umfangreiches Buffet bereit, persönliche Dinge waren bei Bedarf schnell erreichbar. Das nahm der langen Strecke viel von ihrer Unwägbarkeit.

Gleichmäßiges Tempo, Regen und Potsdam als Ausnahme
Mit einem Durchschnitt von etwa 30 km/h ging es weiter durch Nordsachsen. In Sachsen-Anhalt gerieten wir in einen kräftigen Schauer, fuhren aber ohne größere Aufregung weiter Richtung Potsdam.

Dort wartete ein Abschnitt, der aus dem Ablauf deutlich herausstach. Vor der Stadt stand eine Polizeieskorte bereit. Von dort an wurde uns der Weg freigehalten, sodass wir mit hohem Tempo durch Potsdam fahren konnten. Mit etwa 40 km/h durch eine Stadt zu rollen, ohne an jeder Kreuzung aus dem Rhythmus zu kommen, war ein seltener und eindrucksvoller Moment dieser Fahrt.
Die Nacht: der eigentliche Kern der Strecke
Die Nacht war der anspruchsvollste Teil der Fichkona. Nicht wegen einzelner Anstiege oder wegen besonderer Dramatik, sondern weil Müdigkeit und Konzentration über Stunden gegeneinander arbeiten. Nach Mitternacht wird das Fahren stiller. Gespräche werden weniger. Der Blick richtet sich fast nur noch auf das Hinterrad vor einem und auf die eigene Verfassung.

In dieser Phase geht es weniger um Leistung im sportlichen Sinn als um Disziplin. Man muss aufmerksam bleiben, Signale des Körpers einordnen und weiterfahren, ohne unruhig zu werden. Bei mir machten sich allmählich Kopfschmerzen bemerkbar. Sitzprobleme hatte ich zum Glück keine, der Nacken hingegen litt deutlich unter der langen, gleichförmigen Position.
Diese Stunden ziehen sich. Gleichzeitig bilden sie den eigentlichen Kern einer solchen Langstrecke. Hier entscheidet sich, ob aus einem großen Vorhaben eine ankommende Fahrt wird.
Das erste Licht und die neue Klarheit
Gegen 3.30 Uhr zeigte sich das erste Licht des neuen Tages. Mit der Helligkeit änderte sich viel. Was nachts schwer wirkte, wurde am Morgen wieder überschaubar. Müdigkeit und Beschwerden verschwanden nicht sofort, verloren aber an Gewicht.

Zu diesem Zeitpunkt war klar: Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, ist das Ziel erreichbar. Kurz vor dem Rügendamm gab es noch einmal eine Pause. Dort war zu spüren, dass die Anspannung im Feld nachließ. Die Ostsee war nah, Rügen lag vor uns, und das Ende dieser sehr langen Fahrt war nicht mehr abstrakt.
Die letzten Kilometer auf Rügen
Mit der Insel begann kein Ausrollen, sondern ein letzter eigener Abschnitt. Die verbleibenden 65 Kilometer zogen sich noch einmal. Rügen zeigte sich überraschend hügelig, der Wind nahm wieder zu, und die Führungsarbeit an der Spitze kostete nun deutlich mehr Kraft als noch viele Stunden zuvor.

Gerade am Ende einer solchen Strecke verändert sich die Wahrnehmung. Kilometer werden länger, kleine Anstiege größer, Gegenwind präsenter. Gleichzeitig wird das Ziel konkreter. Gegen 10.30 Uhr erreichte ich schließlich das Kap Arkona.
Nicht leicht. Nicht mühelos. Aber klar geschafft.
615 km Rennrad am Stück: Geht das?
Ja, es geht. Aber nicht aus dem Stand und nicht allein über Willen.
615 Kilometer mit dem Rennrad am Stück verlangen Vorbereitung, ein realistisches Tempogefühl, funktionierende Verpflegung, Konzentration über viele Stunden und einen respektvollen Umgang mit der Distanz. Entscheidend ist auch das Umfeld: eine disziplinierte Gruppe, verlässliche Begleitung und eine Organisation, die nicht improvisiert.

Die Fichkona war für mich kein spektakulärer Ausnahmezustand, sondern eine sehr lange, sehr intensive und sehr stimmige Fahrt. Sie bestand aus vielen einzelnen Abschnitten: Kälte am Start, ruhigem Rollen im Erzgebirge, Regen, Nacht, Müdigkeit, erstem Licht und den letzten welligen Kilometern auf Rügen. Gerade in dieser Abfolge liegt ihre besondere Qualität.
Fazit: Eine große Strecke, getragen von vielen Menschen
Die Fichkona war für mich ein außergewöhnliches Erlebnis. Nicht nur wegen der Distanz, sondern wegen der Art, wie diese Distanz gefahren wird. Die Organisation war durchgehend professionell, die Versorgung verlässlich, die Atmosphäre konzentriert und kollegial.

Ein großer Dank geht an das gesamte Team um Olaf Schau, an die Fahrzeug- und Küchen-Crew und an Volker, der das Ende der Pausen mit bemerkenswerter Klarheit ankündigte. Solche Veranstaltungen leben nicht allein von den Fahrenden, sondern von allen, die sie möglich machen.



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